"Wir träumen von einem neuen Forschungsinstitut: der Berliner Zellklinik."

Frau Professorin Eggert, Sie wurden für Ihre Forschung mit dem Deutschen Krebspreis 2023 ausgezeichnet – herzlichen Glückwunsch! Wie würden Sie Ihrem Nachbarn Ihren Forschungsschwerpunkt beschreiben?

Prof. Eggert: Bei einem Glas Wein in meinem Garten: Mein Forschungsschwerpunkt ist das Neuroblastom, ein sehr häufiger Tumor, der fast nur bei Kindern unter 6 Jahren vorkommt. Der Tumor sitzt meistens im Bauch – in der Nebenniere, oberhalb der Niere. Oft hat er zum Zeitpunkt der Diagnose schon gestreut, also metastasiert, und zwar in Knochen, Knochenmark und Leber. Diese Gruppe der sogenannten Hochrisiko-Neuroblastome ist sehr aggressiv, und wir können die meisten betroffenen Kinder ‒ mehr als 50 Prozent ‒ leider immer noch nicht heilen. Das möchten mein Forschungsteam und ich gerne ändern. Um die Heilungschancen zu verbessern, müssen wir den Tumor auf der molekularen Ebene, sogar auf der Ebene einzelner Tumorzellen besser verstehen, neue Angriffspunkte identifizieren und versuchen, den Verlauf der Erkrankung und das Ansprechen auf bestimmte Therapien besser vorherzusagen. Die Weiterentwicklung dieser diagnostischen Möglichkeiten und die anschließende Entwicklung besserer gezielter Therapien sind unser Forschungsschwerpunkt.

Welches Ihrer Forschungsergebnisse hat Sie selbst besonders überrascht oder beeindruckt?

Prof. Eggert: Die große intratumorale Heterogenität der Hochrisiko-Neuroblastome: Biopsien an verschiedenen Stellen ergeben erstaunlicherweise manchmal unterschiedliche Ergebnisse, ja nach örtlicher Zusammensetzung verschiedener Zellen. Wir brauchen also präzisere molekulare Instrumente, wie die sogenannten Einzelzelltechnologien, mit denen wir diese Heterogenität erfassen und für die Wahl der richtigen Therapien berücksichtigen können.  

Wie können Betroffene von ihrer Forschung profitieren?

Prof. Eggert: Unsere Forschung ebnet den Weg für eine immer präzisere personalisierte Medizin, mit der wir die Heilungschancen des Neuroblastoms verbessern möchten.

Was ist Ihr nächstes Forschungsziel?

Prof. Eggert: Um die Präzision zukünftiger molekularer Diagnostik voranzutreiben und neue Medikamente im Vorfeld besser testen zu können, brauchen wir eine für diesen Zweck maßgeschneiderte Forschungsumgebung. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen des Berliner Instituts für Medizinische Systembiologie am Max Delbrück Centrum Berlin träumen wir von der „Berliner Zellklinik“: ein Forschungsinstitut, in dem das Potenzial innovativer Einzelzelltechnologien mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz und neuen patientenabgeleiteten Erkrankungsmodellen für die zuverlässige präklinische Medikamententestung effizient zusammengeführt werden kann. Dies möchten wir dann mit dem klinischen Programm und den klinischen Forschungsaktivitäten unseres neuen NCT-Standorts Berlin ‒ Nationales Centrum für Tumorerkrankungen ‒ sowie der Neuroblastom-Verbundforschung vor Ort und der europaweiten klinischen Neuroblastomstudie zusammenführen.