Interview mit Professor Professor Jochen Schmitt: Zertifizierte Zentren bieten nachweislich hohe Qualität
Herr Professor Schmitt, Gratulation zum Deutschen Krebspreis 2026! Die Versorgungsforschung in der Onkologie ist ein vergleichbar junges Fach. Was reizt Sie daran und warum ist der Forschungsbereich für Patient*innen wichtig?
Mich reizt vor allem die unmittelbare Relevanz: Versorgungsforschung wirkt direkt in die Patient*innenversorgung hinein. Ich komme selbst aus der Klinik, habe zehn Jahre lang als Dermatologe und Allergologe gearbeitet und kenne die konkreten Fragen aus dem Alltag. In der Versorgungsforschung verbinden wir diese klinische Perspektive mit methodischer Expertise. Genau dieses Zusammenspiel ist entscheidend – nur so entstehen Erkenntnisse, die tatsächlich etwas für Patient*innen verändern. Dafür setzen wir am Zentrum für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung (ZEGV) in Dresden ein, das ich seit rund 15 Jahren leiten darf.
Die WiZen-Studie untersucht die Behandlungsqualität in Krankenhäusern. Was war Ihre Motivation, die Studie zu starten?
Ausgehend vom Nationalen Krebsplan wurde das Zertifizierungssystem in der Onkologie entwickelt. Die Idee: Wir haben Leitlinien, in denen evidenzbasierte Empfehlungen festgehalten sind. Diese Empfehlungen bilden die Grundlage für Qualitätsindikatoren, die Krebszentren für die Zertifizierung erfüllen müssen. Damit wurde durch den Nationalen Krebsplan ein sehr modernes, lernendes System geschaffen. Darüber hinaus agiert das zertifizierte Zentrum nicht allein, sondern bildet immer den Kern eines regionalen Netzwerkes auch mit dem ambulanten Sektor. Dieses „Teamwork-Konzept“ führt zu einer guten Steuerung während der Behandlung und sorgt für ein effizienteres System.
Was lange gefehlt hat, war der klare Nachweis, ob dieses System tatsächlich zu besseren Behandlungsergebnissen führt. Genau das wollten wir untersuchen – also ob sich die Qualitätsfokussierung auch im Überleben der Patient*innen widerspiegelt. Und die Ergebnisse sind überzeugend: Wir sehen deutliche Überlebensvorteile bei einer Erstbehandlung in einem zertifizierten Zentrum im Vergleich zu nicht-zertifizierten Einrichtungen. Zudem treten bei der Behandlung weniger Komplikationen auf und die Begleit- oder Spätfolgen fallen milder aus.
Was würden Sie Patient*innen bei der Klinikwahl empfehlen?
Zertifizierte Krebszentren bieten nachweislich hohe Qualität, das ist mehr als nur ein Siegel an der Wand. Krebsbetroffene können sich darauf verlassen, dass dort geprüfte Standards greifen. Gleichzeitig möchte ich Patient*innen dazu ermutigen, aktiv nachzufragen: Welche Therapieoptionen gibt es? Was wurde im Tumorboard empfohlen? Welche Alternativen bestehen? Wer sich einbringen möchte, sollte das auch tun – und die behandelnden Teams sind heute in der Regel gut darauf vorbereitet. In der Klinik ist Patient*innenbeteiligung ein immer relevanteres Thema. Die Betroffenen können sich trauen, diese auch aktiv einzufordern!
Was muss sich in der Krebsversorgung in den nächsten Jahren verändern, damit alle Patient*innen bestmöglich behandelt werden?
Ein wichtiger Schritt wäre, die Erkenntnisse aus Studien wie WiZen konsequent in die Versorgung zu überführen – also Qualitätsanforderungen stärker verbindlich zu machen. Die Innovationsausschuss des G-BA hat die Ergebnisse als wegweisend beschrieben, leider ist es im Rahmen der Krankenhausreform aber nicht gelungen, die Anforderung stärker zu verankern. Ein anderer potenzieller Weg der Implementierung der WiZen-Ergebnisse ist nun die Umsetzung über den G-BA. Ich hoffe sehr, dass wir hier Erfolg haben werden. Als weiteres Zukunftsthema mit gesamtgesellschaftlicher Relevanz möchte ich die Chancengleichheit nennen. Alle Menschen sollten unabhängig von Wohnort, sozialem Hintergrund oder anderen Faktoren den gleichen Zugang zu hochwertiger Krebsversorgung haben. In der Realität sehen wir hier große Unterschiede – etwa beim Zugang zu klinischen Studien oder auch bei der finanziellen Belastung durch eine Krebserkrankung. Trotz aller sozialen Absicherungen in Deutschland kann eine chronische Erkrankung, wie Krebs sie heute häufig ist, in die Armut führen. Solche Punkte müssen wir stärker in den Blick nehmen.
Schauen wir in die Zukunft: Mit welchen onkologischen Forschungsfragen möchten Sie sich künftig noch beschäftigen? Liegt Ihnen eine Fragestellung besonders am Herzen?
Ein Schwerpunkt wird für mich der faire und chancengleiche Zugang zu innovativer Versorgung sein. Gleichzeitig wird das Thema Versorgungsmonitoring immer wichtiger: Wir müssen Daten besser nutzen, um schneller zu erkennen, wo es Verbesserungsbedarf gibt und dann auch zügig und evidenzgeleitet zu reagieren. Dabei geht es auch um eine breitere Form der personalisierten Medizin: nicht nur genetische Faktoren, sondern auch individuelle Lebensumstände, Präferenzen und Risiken stärker zu berücksichtigen. Und schließlich wird Prävention eine größere Rolle spielen müssen, auch vor dem Hintergrund begrenzter Ressourcen im Gesundheitssystem.
Vielen Dank für das Gespräch.