Interview mit Professorin Jessica Hassel: Impfstrategien gegen Immuntherapieresistenzen

Frau Professorin Hassel ‒ herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Krebspreis 2026! Sie arbeiten an neuen Therapieprinzipien für Hautkrebs – was bedeutet das konkret für Patient*innen?

Insbesondere der schwarze Hautkrebs, das Melanom, ist eine Tumorerkrankung, die bereits früh zu Metastasen, d.h. Absiedlungen im Körper führen kann, und damit lebensbedrohlich ist. Durch die Entwicklung von Immuntherapien, den sogenannten Immuncheckpoint-Blockern, hat sich die Prognose von Patienten auch in der metastasierten Situation deutlich verbessert. Dennoch ist es leider so, dass nach wie vor die Hälfte der Patienten eine Resistenz gegenüber den Immuntherapien aufweist und innerhalb von 10 Jahren verstirbt. Neue Therapieprinzipien sollen genau hier helfen und umfassen aktuell Vakzinierungsstrategien, die Anwendung von Bispecifics oder Zelltherapien. Diese werden im Rahmen von klinischen Studien bezüglich ihrer Sicherheit und Wirksamkeit überprüft und bieten dabei für Patienten eine Chance, die Therapieoptionen zu erweitern und eine bestehende Resistenz gegen Immuntherapien zu überwinden.

Sie haben an RNA-Vakzinierungsstrategien mitgearbeitet. Was macht diese Ansätze so vielversprechend?

Die bereits zugelassenen Immuncheckpoint-Blocker sind Antikörper, die das Immunsystem von Patienten aktivieren, so dass der Tumor besser als fremd erkannt und bekämpft werden kann. Das Problem ist jedoch, dass dies eine bereits bestehende Immunantwort gegen den Tumor voraussetzt. Mit Vakzinierungsstrategien versucht man hingegen neue Immunantworten gegen den Tumor zu generieren, gerne in Kombination mit Immuncheckpoint-Blockern. Dabei werden verschiedene Strategien verfolgt wie die Anwendung von RNA oder Peptiden, die breit in Tumoren vorhanden sind (Cancer testis Antigene, Beispiel Fixvak), oder personalisierte Vakzinen, die auf Neoantigene abzielen, d.h. vom Tumor produzierte neue Eiweiße, die deshalb ggf. leichter vom Immunsystem als fremd erkannt werden können. Jüngst wurden außerdem Ansätze in klinischen Studien überprüft, bei denen immunmodulatorische Vakzinen eingesetzt wurden, die eine Immunantwort gegen den Tumor erleichtern sollen.

Im PEF-Immun-Projekt haben Sie Entscheidungshilfen entwickelt – wie helfen diese Betroffenen ganz konkret?

Wir sind in der Dermatoonkologie aktuell in der glücklichen Situation, dass wir verschiedene Therapiemöglichkeiten haben, die unterschiedliche Vor- und Nachteile aufweisen. In der vom BMBF geförderten PEF-Immun-Studie, die ich zusammen mit Frau Prof. Bieber aus der Psychosomatik durchgeführt habe, haben wir Melanompatienten mit Erstdiagnose einer Fernmetastasierung eine selbst entwickelte Online-Entscheidungshilfe angeboten, um sie für das ärztliche Aufklärungsgespräch optimal vorzubereiten. Diese enthält nicht nur ausführliche Informationen über Therapiemöglichkeiten mit Vor- und Nachteilen, sondern auch Videos zu Wirkmechanismen und Berichte von Patienten, die diese Therapien erhalten haben. Es ist für Patienten eine online-zugängige zuverlässliche Informationsquelle (Entscheidungshilfen | INFOPORTAL HAUTKREBS), die ihnen ermöglicht, sich aktiv am Entscheidungsprozess zu beteiligen, dem sogenannten Shared Decision Making (SDM). Ein Ergebnis der Studie war, dass Patienten durch die Entscheidungshilfe im Vergleich zur Kontrollgruppe tatsächlich informierter in das ärztliche Aufklärungsgespräch gehen. Für eine aktive Beteiligung an der Therapieentscheidung scheint aber auch die ärztliche Gesprächsführung entscheidend, weshalb wir in einer aktuellen Folgestudie (PEF-adjuvant), die Entscheidungshilfe für adjuvante Therapieoptionen bei vollständig reseziertem Melanom im Stadium II und III mit einem SDM-Training für aufklärende Ärzte verbinden.

Warum ist es Ihnen wichtig, Patient*innen aktiv in medizinische Entscheidungen einzubeziehen?

Patienten sollten generell in medizinische Entscheidungen einbezogen werden, insbesondere in der Onkologie. Denn abhängig von ihrer Erkrankungssituation, aber auch ihrer Lebenssituation und ihren Wünschen kann die Therapie ganz anders aussehen. Möglicherweise möchte der Patient nicht das maximal Mögliche, sondern es stehen vielmehr Lebensqualität und Symptomkontrolle im Vordergrund. Oder der Patient möchte bestimmte Risiken auf keinen Fall eingehen. Das kann man nur gemeinsam herausfinden. Und eine gemeinsam von Arzt und Patient getroffene Entscheidung, geht oft mit einer höheren Zufriedenheit für beide einher. Auch ist meine Erfahrung, dass eine gute Aufklärung über die aktuelle Therapiesituation, die Chancen und Risiken, die Bereitschaft von Patienten erhöht neue Therapien in klinischen Studien zu wagen.

Sie leiten die Sektion Dermatoonkologie am Uniklinikum Heidelberg und initiieren darüber hinaus noch klinische Studien. Was würden Sie jungen Mediziner*innen oder Forschenden mit auf den Weg geben, die einen ähnlichen Weg einschlagen möchten?

Für mich stand und steht immer der Patient im Mittelpunkt. Meine Forschung orientiert sich um den Wunsch, die Therapiemöglichkeiten für Patienten in einer lebensbedrohlichen Situation zu verbessern, zum einen durch das Anbieten von neuen Therapiestrategien, zum anderen aber auch durch Patientenselektion über Biomarker, d.h. eine Personalisierung der Therapie. Welche Therapie ist für welchen Patienten geeignet? Und welcher Patient wird nicht von der Therapie profitieren? Welcher Patient trägt ein besonders hohes Risiko für schwere Nebenwirkungen? Und wie kann man die Lebensqualität und Zufriedenheit für Patienten verbessern? Diese Patienten-nahe Forschung empfinde ich als ausgesprochen interessant und stimulierend. Und wenn man diesen Weg einschlagen möchte, ist eine gute klinische Ausbildung aus meiner Sicht entscheidend mit einem gesunden Interesse für pathophysiologische Zusammenhänge – und natürlich einer Umgebung, die Forschungsaktivitäten fördert.

Vielen Dank für das Gespräch.